Centre Barbelé - Strassen / Luxembourg

TREFFPUNKT

ADHS a.s.b.l.

Retour vers la presse

Presse

Außer Rand und Band

Luxemburger Wort Freitag, den 28. September 2012


Menschen mit ADHS haben im Gehirn keine „Bremse fürs Gefühl“


Außer Rand und Band


C. Neuhaus: „Kinder mit ADHS sind hypersensibel, verletzlich, hilfsbereit und leicht zu traumatisieren“


INTERVIEW: MICHÈLE GANTENBEIN

ADHS ist die von Eltern am meisten gefürchtete Krankheit. Das geht aus einer Untersuchung der Zeitschrift „Eltern“ in Zusammenarbeit mit der DAK-Versicherung hervor. Grund für diese Angst ist die Stigmatisierung. Den Eltern wird oft Erziehungsunfähigkeit unterstellt. Wenn die Störung unerkannt und unbehandelt bleibt, zerbrechen oft ganze Familien. ADHS ist in der Luxemburger Schulmedizin noch nicht angekommen. Dabei wäre es ein Leichtes, Kinder mit ADHS im frühen Alter herauszufiltern und ihnen und ihrer Familie einen langen Leidensweg zu ersparen. Cordula Neuhaus betreibt in Esslingen ein Therapiezentrum für Menschen mit ADHS und hält in Luxemburg regelmäßig Vorträge zum Thema. Das LW hat sie getroffen.


Frau Neuhaus, was ist ADHS?

ADHS ist eine Reizoffenheit und Reizfilterschwäche sowie eine Impulskontrollstörung. Damit kommt man auf die Welt. ADHS wird in direkter Linie ererbt. Die Theorie, ADHS sei eine Bindungs- und Beziehungsstörung, ist obsolet. Menschen mit ADHS fehlt im Gehirn eine Bremse fürs Gefühl, sie haben eine extreme Affektlabilität. Bei Kleinigkeiten kann das Gefühl kippen. Ist die Person in einer positiven Stimmung, hat sie Zugriff auf alles, was sie weiß. Ist die Stimmung negativ, ist das Denken regelrecht abgeschaltet. Die Person hat dann tatsächlich keinen Zugriff auf ihre Intelligenz, auf ihr Wissen. Das kann man nicht beeinflussen. Wenn Kinder mit ADHS etwas subjektiv hochinteressant finden, können sie sich unglaubliche Dinge merken, Dinge, die sie lernen sollen, aber langweilig finden, prägen sie sich nur schwer ein.


Was sind die Symptome?

Menschen mit ADHS können nur schwer aus Erfahrung lernen. Sie haben kein inneres Gefühl für Zeit und Zeitverlauf und schieben deshalb unliebsame Dinge vor sich her. Sie können Aufgaben oft erst auf den letzten Drücker bewältigen und ihre Zeit nur schwer einteilen, schon gar nicht, wenn es heißt, dass sie müssen oder sollen. Das ist aber in der heutigen Zeit, in der Bereizung und Zeitdruck zunehmen, sehr schwierig. Wenn sie mit Begeisterung an einer Sache dran sind, versinkt um sie herum die Welt. Sie vollbringen grandiose Leistungen, aber sie sind nur schwer erreichbar. Von einer Sekunde auf die nächste etwas anderes tun, geht nicht, außer sie entscheiden das selbst. Fremdbestimmte Umstellung ist schwierig. Werden Menschen mit ADHS unterbrochen, haben sie große Schwierigkeiten, zu ihrer Ursprungstätigkeit zurückzufinden, dort weiterzumachen, wo sie aufgehört haben und die Aufgabe zu Ende zu bringen. Kinder ohne ADHS sind ab zwölf Jahre in der Lage, die Konsequenzen ihres Handelns vorauszusehen, z. B. wie Mutter oder Vater reagieren werden. Ihre emotionale Regulierungsfähigkeit hilft ihnen, sich immer besser anzupassen. Das können Menschen mit ADHS nicht. Sie können sich nur schwer anpassen, weil sie immer alles nur aus der eigenen Perspektive sehen. Kinder mit ADHS haben Probleme mit der Kraftdosierung und der Feinmotorik. Sie haben Probleme, einen Stift zu halten, viele haben gar keine Lust zu malen. Manche sind geradezu schreibbehindert. Unseligerweise sind gerade diese Kinder oft hochbegabt. Den Zusammenhang kennt man, kann ihn aber noch nicht erklären. Kinder mit ADHS haben einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Sie sind unglaublich hilfsbereit, reaktionsschnell und sicher. Deshalb findet man viele Menschen mit ADHS in helfenden Berufen. Niemand ist derart spontan empathisch mit Kleinkindern und Tieren wie Menschen mit ADHS, und niemand ist so innovativ und kreativ wie Menschen mit ADHS.


Inwiefern unterscheiden sich Jungen und Mädchen mit ADHS?

Jungen mit ADHS sind generell unruhiger als Mädchen. Hinzu kommt, dass es nach wie vor Rollenerwartungen an Frauen gibt. Bei Mädchen und Frauen kommt es aber noch zu einem weiteren Phänomen. Menschen ohne ADHS können aus Erfahrung lernen und sich somit immer besser anpassen. Das macht sie immer sicherer in ihrem Verhalten. Menschen mit ADHS können das nicht. Sie sind extrem abhängig vom Feedback ihres Gegenüber. Die Reizoffenheit in Kombination mit einer mangelhaften Bremse fürs Gefühl macht nicht nur hypersensibel, sondern auch sehr verletzlich. Menschen mit ADHS fühlen immer, wenn sie denken und denken immer, wenn sie fühlen. Das führt dazu, dass sie sehr leicht zu traumatisieren und zu retraumatisieren sind. Auch durch ganz geringe Dinge, wie das Vorführen in der Schule an der Tafel zum Beispiel. Weil Menschen mit ADHS keine Bremse fürs Gefühl haben, speichern sie sehr viele Bilder in ihrem Gehirn ab. Weil es so viele sind, dauert es bei diesen Menschen länger, sie abzurufen und in Worte umzusetzen. Das führt zu großer Unsicherheit, vor allem bei Mädchen und Frauen, die dazu oft noch ein niedriges Selbstwertgefühl haben. Das macht sie sehr beeinflussbar und sie tun Dinge, die ihnen gar nicht gut tun, nur um dazuzugehören. Bei Frauen mit ADHS ist das sehr ausgeprägt.


Gibt es Strategien, die Kindern mit ADHS helfen, im Alltag besser zurechtzukommen, ihre Aufgaben besser zu bewältigen?

Ja, die gibt es. Zunächst einmal ist es wichtig, Menschen mit ADHS – den Eltern und Kindern – mit Bild vom Gehirn zu erklären, was mit ihnen los ist. Die Neurobiologie erklären, ist das A und O, damit die Betroffenen sich selbst verstehen. Dann ist die Art der Kommunikation sehr wichtig: Worte, Gestik, Mimik, Körperhaltung müssen stimmen und das Kind erreichen. Die Aufforderungen müssen kurz und knapp sein, die Stimme gedämpft, Tonfall und Mimik freundlich, zumindest neutral. Alles, was als negativ empfunden wird, führt zur Blockade. Leider sind in den Schulen Negativbotschaften und Strafandrohung immer noch an der Tagesordnung. Ein Kind mit ADHS kann alles lernen, was man ihm nachvollziehbar und in systematischen kleinen Schritten aufeinander aufbauend und anwendungsbezogen erklärt. Es braucht dazu häufigere Wiederholungen und somit mehr Zeit. Einfach nur lernen, um zu lernen, geht nicht, das Kind muss verstehen, warum es das später im Leben braucht.


Welche Tipps haben Sie für Eltern und Menschen, die mit Kindern arbeiten?

Zunächst brauchen wir die Akzeptanz, dass eine Störung vorliegt, dann brauchen Kinder mit ADHS eine ganz klare Struktur, mit klar definierten Regeln, die als Rahmen gesetzt werden, und die freundlich, aber bestimmt eingefordert werden. Wichtig ist, das, was das Kind tun soll, vorher anzukündigen. Dann gibt es noch Tricks, wenn die Situation zu eskalieren droht: den Blickkontakt wegnehmen und die Stimme senken. Streit zwischen Kindern mit ADHS kann man am besten beilegen, wenn man sofort dazwischen geht und die Kinder trennt. Droht eines der Kinder auszurasten, ist es am besten, es aus dem Feld zu nehmen, damit es eine Auszeit hat. Ein Kind mit ADHS ist nicht in der Lage, aus Einsicht zu lernen, deshalb bringt es auch nichts, Konfliktsituationen im Nachhinein aufzuarbeiten, soziale Trainingseinheiten abzuhalten oder die Streitigkeit noch einmal zu thematisieren. Mit „Unworten“, z. B. „müssen“, „sollen“, „nie“, „ständig“, „reiß dich zusammen“, erreicht man gar nichts. Wenn man dem Kind sagt, was es tun soll, ohne ihm zu sagen, wie es etwas tun soll, wenn man nicht moralisiert oder schulmeistert, kann man sehr viel erreichen.


Kontaktadressen für Hilfe und Selbsthilfe

Information, Hilfe, Unterstützung und Beratung finden Betroffene beim Treffpunkt ADHS (www.treffadhs.lu) in Strassen, Tel. 31 02 62 529. Die Vereinigung organisiert in Zusammenarbeit mit der Universität Luxemburg am 8. Dezember eine Weiterbildung für Fachleute aus dem Erziehungs- und Pädagogikbereich mit dem Titel „Lernen an sich und bei ADHS im Besonderen“. Referent ist Prof. Dr. Hans Biegert. Die Teilnehmer erfahren Wissenswertes über die Neurobiologie des Lernens, die neurobiologischen Prozesse bei ADHS, und über wirksame Interventionsansätze in den Bereichen Schulpädagogik, Didaktik und Methodik im Unterricht mit ADHS-Kindern. Die eiterbildung findet von 9 bis 12 Uhr und von 13 bis 16 Uhr auf dem Campus Walferdingen statt. Einschreiben kann man sich auf www.script.lu. Weitere hilfreiche Internetseiten sind:


www.adhs.lu

www.scap.lu