Centre Barbelé - Strassen / Luxembourg

TREFFPUNKT

ADHS a.s.b.l.

Retour vers la presse

Presse

Ein Test und ein echtes Problem

Kaum ist er im Einsatz, sorgt er schon für reichlich Aufregung: der Drug Wipe 5S, ein Speicheltest, mit dem Verkehrsteilnehmer auf den Konsum illegaler Drogen überprüft werden. Der Test weist nämlich auch ärztlich verordnete Medikamente nach – zum Ärger für Ärzte und Patienten.


Text: Heike Bucher heike.bucher@revue.lu
Fotos: Roland Miny, Christophe Olinger


War in den Industrienationen bislang Alkohol die Volksdroge Nummer eins, nimmt die Anzahl von Personen mehr und mehr zu, die gleich mehrere Suchtmittel miteinander kombinieren. So gehörte beispielsweise Cannabis für viele mittlerweile zum Alltag und werde erst gar nicht als Droge gesehen, meint Dr. Robert Thill-Heusbourg, Neurologe und Psychotherapeut aus Ettelbrück. Verkehrsteilnehmer auf möglichen Drogenmissbrauch zu testen, sei deshalb wichtig und längst überfällig. Aus diesem Grund hält der Mediziner den neuen Drogentest, der seit dem 1. Mai zum Einsatz kommt, auch für sinnvoll. Dr. Thill-Heusbourg wünscht sich, dass die Bevölkerung ihn akzeptiert „und jeder begreift, dass es um unsere Sicherheit auf den Straßen geht“.


Trotzdem sieht er die plötzliche Einführung des Speicheltests kritisch. „Entgegen der uns 2007 von der Regierung gemachten Zusagen und ohne Berücksichtigung unserer Sorgen für die Betreuung der Patienten wurde eine Entscheidung getroffen, ohne die Vertreter der Ärzteschaft und der Patienten in die Art und Weise der Durchführung und Präsentation dieses Tests einzubinden.” Bereits 2007 sollte der „Drug Wipe“ in Luxemburg bei Verkehrskontrollen eingesetzt werden. Auch damals war die Bevölkerung erst sehr kurzfristig informiert worden. Der unerwartete Widerstand von Ärzten wie Dr. Thill-Heusbourg und der Patientenvereinigungen brachte das Projekt allerdings schnell zum Kippen. „Und jetzt haben die einfach ihren Gesetzestext weiterentwickelt und plötzlich heißt es: ab übermorgen läuft das alles. Und dann sagt der Pressesprecher der Polizei: Mit dem Speicheltest können wir schnell feststellen, ob Drogen im Spiel sind oder nicht. Aber das stimmt nicht. Er kann nicht unterscheiden, ob es eine Droge oder ein Medikament ist,“ so der Vorwurf des Mediziners.


Für die Bevölkerung hätte sich Dr. Thill-Heusbourg vor allem eine bessere Aufklärung gewünscht. Und mehr Zeit, gemeinsam zu überlegen, wie man all jene Menschen beruhigt, die bei einer Verkehrskontrolle mit dem „Drug Wipe 5S“ ebenfalls positiv getestet werden, obwohl sie gar keine Drogen genommen haben. Denn der neue Speicheltest hat ein echtes Problem: „Dieser so genannte Drogenschnelltest ist ja gar kein Drogentest. Er ist ein Schnelltest auf verschiedene pharmakologische Familien“, führt Dr. Robert Thill aus. „Er funktioniert auf Antikörperbasis. Getestet wird nach Gruppen, doch in jede dieser Gruppen fallen diverse Substanzen. Der Polizist sieht nur, dass das Ergebnis positiv ist. Er weiß aber nicht, was wirklich getestet wurde. Für einen, der Heroin gespritzt hat und für einen Patienten, der mit Morphium behandelt wird, gibt es dasselbe Ergebnis.“


Das ist auch für die Firma Securetec, den Hersteller des Tests, nicht neu. „Bei Schmerzpatienten, welche Morphine nehmen, ist ein positiver Vortest möglich“, heißt es dort in einer Erklärung. Dasselbe gilt für Codein, ein Wirkstoff, der ebenfalls zur Schmerztherapie verwendet wird. Die Befürchtung, Betroffene von ADHS Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung), die mit Ritalin behandelt werden, würden ebenfalls positiv getestet, erwies sich allerdings als unbegründet, wie Untersuchungen ergeben haben. Nach Aussage eines Firmensprechers gilt „Drug Wipe 5S“ indes als marktführender Speicheltest. Belgien, Frankreich, Deutschland, Finnland, Polen, die tschechische Republik und Australien – überall dort wird der „Drug Wipe“ bereits in Verkehrskontrollen eingesetzt. „Mit dem Testergebnis kann eine qualitative Aussage bezüglich eines möglichen Drogenkonsums gemacht werden“, heißt es erklärend weiter von Seiten des Unternehmens. Allerdings handele es sich lediglich um einen Vortest, der genauere Untersuchungen nach sich ziehen müsste. In Australien sei die Anzahl von Verkehrsunfällen, bei denen Drogen eine Rolle spielten, seit Einführung des „Drug Wipe“ drastisch gesunken – ein Zeichen dafür, dass diese Art der Kontrolle als Abschreckung dienen und somit sinnvoll sein kann.




Mehrere tausend Menschen gelten Dr. Thill-Heusbourg zufolge in Luxemburg als chronische Schmerzpatienten und werden mit Medikamenten behandelt, die der „Drug Wipe“ nachweist. Das Morphin, das sowohl in Heroin als auch in Morphium enthalten ist, wird im Test als „Opiat“ festgestellt. Die Behauptung, dass Medikamente, die Morphine oder Amphetamine enthalten, in jedem Fall die Fahrtüchtigkeit beeinträchtigen, sei schlichtweg falsch, weiß Dr. Lucien Nicolay, Präsident der Europäischen AkaAkademie für Verkehrspsychotherapie (EURAC). „Wer mit seinen Medikamenten gut eingestellt ist, der kann fahren. Das gilt ebenso für Diabetiker wie für Epileptiker und Herzkranke. Patienten, die medikamentös gut eingestellt sind und sich an die therapeutischen Weisungen halten, sind normal fahrtüchtig. Und es ist die Aufgabe des Gesundheitswesens, ihnen eine normale Teilnahme am Alltagsleben trotz ihrer Krankheit zu ermöglichen. Wer seine Medikamente nicht oder nicht vorschriftsmäßig nimmt, der handelt grob fahrlässig, wenn er so am Straßenverkehr teilnimmt.“


Ein Attest vom Arzt oder eine Art „Patientenpass“ könnte Abhilfe schaffen.

Deshalb weist Dr. Nicolay auch das Argument eines Polizisten zurück, der am Vorabend der Einführung des Tests Drug Wipe 5S So heißt der Speicheltest, der seit dem 1. Mai bei Verkehrskontrollen in Luxemburg eingesetzt werden kann, um Verkehrsteilnehmer auf möglichen Drogenmissbrauch zu testen. Der „Drogenschnelltest“, wie er auch genannt wird, liefert innerhalb von zehn Minuten ein Ergebnis. Nach dem Konsum von Cannabis, Opiaten, Kokain, Amphetaminen, Methamphetaminen, Ecstasy oder Benzodiazepinen ergibt der Test ein positives Resultat. „Wer mit seinen Medikamenten gut eingestellt ist, der kann fahren. Das gilt ebenso für Diabetiker wie für Epileptiker und Herzkranke.“ Dr. Lucien Nicolay in einer RTL-Sendung behauptete, schon im Beipackzettel bestimmter Medikamente würde auf eine mögliche Fahruntüchtigkeit hingewiesen. „Das steht doch in fast jedem Beipackzettel aus rechtsmedizinischen Gründen“, betont Nicolay. Verheerend sei es, wenn all die betroffenen Patienten jetzt aufhören würden, die erforderlichen Medikamente zu nehmen, aus Angst, bei einer Verkehrskontrolle aufzufallen und in die Klinik gebracht zu werden. „Dann erst werden sie zu einer Gefahr im Straßenverkehr.“


Positiv getestete Verkehrsteilnehmer müssen sich einem Blut- und Urintest unterziehen, damit die Substanzen, die sich im Körper befinden, exakt festgestellt werden können. Wer den Test verweigert, muss den Führerschein abgeben. Dr. Robert Thill-Heusbourg befürchtet, dass dadurch auch Patienten, die aufgrund ihrer Medikamente positiv getestet wurden, stigmatisiert werden. „Das kann ja alles unglaublich lange dauern.“ Bis die Untersuchungen abgeschlossen sind und nachgewiesen wurde, dass der Befund nicht auf Drogenmissbrauch sondern auf Medikamentengebrauch beruht, können Tage oder auch Wochen vergehen. So lange steht jeder mit einem positiven Testergebnis unter Verdacht, egal, welche Substanzen er letztendlich im Körper hatte.


Helfen könnte ein ärztliches Attest oder eine Art „Patientenpass“, mit dem man nachweist, welche Medikamente ärztlich verordnet wurden und wie diese beim „Drug Wipe 5S“ auffallen. In den deutschen Bundesländern Berlin und Brandenburg ist dies bereits gängige Praxis. Dort liegt es im Ermessen der Polizisten, eine Blutprobe anzuordnen oder nicht. Diesen Spielraum haben die luxemburgischen Beamten jedoch nicht. Noch nicht…