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„Wir haben keinen normalen Alltag“

Jeden Tag beginnt Anne Klein* mit dem gleichen Gedanken: „Hoffentlich geht heute alles gut.“ In ihrer Familie sind gleich drei Personen von ADHS betroffen: Ihr Mann, ihr Sohn und sie selbst.


Text: Danielle Petry revue@revue.lu Foto: Thierry Martin


Bei ihrem heute achtjährigen Sohn bestand der Verdacht auf ADHS bereits in den ersten Lebenstagen. Er war eine Frühgeburt, weshalb der behandelnde Kinderarzt die Eltern vor einer möglichen Erkrankung an ADHS warnte. Neurologisch wurde die Diagnose aber erst fünf Jahre später gestellt. Nachdem die Krankheit bei ihrem Sohn diagnostiziert worden war, fielen Anne Klein ähnliche Symptome bei ihrem Mann auf. So wurde die Krankheit bei ihm erst im Alter von 38 Jahren nachgewiesen. „Je mehr ich über ADHS las, desto mehr wurde mir klar, dass einige Symptome wie innere Unruhe und stetiger Bewegungsdrang auch auf mich zutreffen“, erklärt sie. Im Gespräch mit einem Arzt wurde diese Selbstdiagnose bestätigt. Neurologischen Tests hat sie sich aber nicht unterzogen.


Nun stellt sich die Frage, warum die Krankheit bei den Eltern nicht bereits im Kindesalter diagnostiziert wurde. Bei ihrem Mann sei immer alles ideal verlaufen: In der Schule waren sie nur zu dritt in einer Klasse, seine Kapazitäten im manuellen Bereich hat er früh entdeckt und die Schreinerlehre konnte er im Betrieb seines Vaters absolvieren. „Meine Schwiegermutter musste vier Kinder quasi alleine erziehen. Möglicherweise hat er bereits damals Auffälligkeiten gezeigt, nur dass sie nicht bemerkt wurden“, mutmaßt Anne Klein. Doch Freunde aus seiner Kindheit bestätigen im Nachhinein einige ADHS-Symptome. So habe er beispielsweise in der Grundschule zu aggressivem Verhalten geneigt, woran er sich jedoch nicht erinnern könne. Sie selbst hat die Schulzeit als durchschnittlich gute Schülerin problemlos gemeistert und ist auch im Berufsleben nicht weiter aufgefallen.


Im Gegensatz zu ihrem Mann und Sohn hat Anne Klein die Krankheit gut im Griff, weshalb sie auch keine Medikamente benötigt. Die beiden männlichen Familienmitglieder sind am Mischtyp ADHS erkrankt und weisen teilweise die gleichen Symptome auf. Aufgrund ihrer hohen Impulsivität haben sie sich beispielsweise verbal nicht unter Kontrolle. „Wir haben keinen normalen Alltag. Die beiden schaukeln sich gegenseitig hoch und sind dann auch nicht mehr zu bremsen“, meint Anne Klein. Dies ging so weit, dass sie Vater und Sohn nicht mehr alleine zu Hause lassen konnte. Es sei zwar nie zu Handgreiflichkeiten gekommen, aber das Risiko wollte sie dennoch nicht eingehen. Doch seit die beiden in medikamentöser Behandlung sind, stelle sie eine Verbesserung fest. Der Leidensdruck aller Beteiligten sei dadurch maßgeblich verringert worden.


Die Aufmerksamkeitsstörung ihres Mannes erschwert das Zusammenleben zusätzlich. „Er fängt hundert Sachen an und macht nichts fertig, ihn drei Dinge auf einmal anzustellen, ist schier unmöglich“, erläutert sie. Auf dem Weg in den Keller vergesse er bereits, was er überhaupt mitbringen sollte. Die Symptome wurden zudem schlimmer als er zum zweiten Mal Vater wurde und seinen eigenen Betrieb eröffnete. Er kam mit der Verantwortung und Organisation nicht zurecht. Ihr Sohn hingegen zeige bei alltäglichen Aufgaben keine Konzentrationsschwierigkeiten. Der Achtjährige sei vielmehr auf einen geregelten Ablauf angewiesen. Dieser Zwang geht von den Schuhen, die immer am gewohnten Platz sein müssen bis zu Ausflügen, die im Vorfeld mit ihm abgesprochen werden müssen. Bei der kleinsten Abweichung vom Plan eskaliert die Situation. Einkäufe erledigt Anne Klein erst gar nicht mit ihm, um möglichen Problemen aus dem Weg zu gehen. Im Schulunterricht falle er jedoch nicht weiter auf. Er erfreut sich zudem eines großen Freundeskreises. Dennoch sträubte er sich von einem Tag auf den anderen, in die Schule zu gehen. „Wenn er dann quer über die Straße weggelaufen ist, war dies teilweise richtig gefährlich“, erinnert sich Anne Klein. Einen Grund für die Schulverweigerung sieht die Mutter in seiner Hyperakusis, der Überempfindlichkeit gegenüber Schall. Betroffene dieser Ko-Morbidität von ADHS können Lärm nicht filtern, weshalb er für sie unerträglich wird. Abhilfe hat hier die medikamentöse Behandlung gebracht, denn drei Tage später ging er wieder zur Schule. Doch auch bei der Hausaufgabenbewältigung setzt sie jetzt auf die Wirkung der Medikation. „Früher saß ich bis zu fünf Stunden mit ihm bei den Hausaufgaben und dann sind die Hefte auch schon mal durch die Gegend geflogen.“


Unterstützung von ihrem Freundes- und Verwandtenkreis erhält Anne Klein kaum. Für Außenstehende ist es nur schwer nachvollziehbar, wie eine Familie diese Situation bewältigt. Nur wenige haben Verständnis für die dreifach betroffene Mutter. So hagelt es leider seitens ihres sozialen Umfeldes immer wieder Vorwürfe. Dies reicht von dem Vorwurf, sie habe ihr Kind schlecht erzogen, bis hin zur Kritik an der medikamentösen Therapie. „Derartige Reaktionen müssten mich eigentlich kalt lassen, aber wenn sie in Anwesenheit meines Sohnes geäußert werden, verärgern sie mich um so mehr“, erklärt Anne Klein. Die Vorurteile seien auch der Grund, warum sie anonym bleiben wolle. „Das mag vielleicht nicht der richtige Weg sein, aber ich will meinen Sohn noch so lange wie möglich vor dem Stempel ADHS beschützen“, erklärt sie. In der Schule ist lediglich seine direkte Lehrerin über die Erkrankung in Kenntnis gesetzt. Mit ihrem Sohn spricht sie aber offen über seine Krankheit. Um sich und anderen Betroffenen das Leben zu erleichtern, liegt es Anne Klein am Herzen, dass die Gesellschaft und insbesondere das Lehrpersonal sich genauer mit ADHS auseinander setzen.